INTERVIEW: Tipps zum Thema „Crowdfunding für Unternehmen“

Linette Heimrich begleitet und berät Unternehmen an der IHK München zum Thema Crowdfunding. Im Interview erzählt sie mir, wie Unternehmen von Crowdfunding profitieren können, welche Fragen sie haben und wie diese beantwortet werden.

Wolfgang: Linette, du arbeitest an der IHK München im Bereich „Existenzgründung & Unternehmensförderung“. Beschreibe bitte kurz, was wir uns darunter vorstellen können.

Linette: Die Industrie- und Handelskammern verstehen sich als Vertretung aller Unternehmen. Ziel unserer Arbeit ist es, bessere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu schaffen. Dazu zählen vielfältige Serviceleistungen, von denen vor allem junge Unternehmen, Gründer aber auch KMUs profitieren.

In meinem Bereich geht es vor allem darum, Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit bestmöglich zu unterstützen. Dies geschieht vor allem durch Erstberatung, Informations- und Netzwerkveranstaltungen sowie durch eine ganze Reihe von Informationsangeboten rund um die Unternehmensgründung. Diesen Service bieten übrigens alle IHKs in Deutschland kostenfrei und neutral.

Wolfgang: Du begleitest Unternehmen auf ihrem Weg zur „Crowd“. Welche Themen stehen hier im Fokus deiner Arbeit?

Linette: Meine tägliche Arbeit ist neben der Beratung auch das Informieren rund um Crowdfunding und Crowdsourcing. Das geschieht über Vorträge, klassische Artikel in unserem Mitgliedermagazin oder auch über den MUCrowd-Blog, in dem ich immer wieder regionale Projekte aus dem Raum München und Oberbayern vorstelle oder über neue Entwicklungen berichte.

Ich glaube, dass neben der ganzen Theorie der Erfahrungsaustausch zwischen Gründern bzw. Projektstartern enorm wichtig ist. Darum organisiere ich regelmäßig die IHK Crowdfunding Night. Ein Format bei dem Crowdfunding-Willige auf „Alte Hasen“ treffen und von deren Erfahrungen lernen können. Hieraus sind schon interessante Kooperationen und Synergien entstanden, was mich persönlich am meisten freut.

Daneben versuche ich die politische Entwicklung im Auge zu behalten und mich, wenn nötig, im Sinne der Wirtschaft in den Diskurs einzubringen. Eine weitere spannende Sache ist die Weiterbildung zum Crowdfunding Manager/-in (IHK), die jetzt im April wieder anläuft.

Wolfgang: Ein wichtiger Punkt ist die Crowdfunding-Beratung. Welche Firmen bzw. Projekte kommen zu dir in die Beratung?

Linette: Es ist ein absolut bunter Mix von Gründern und Unternehmern aus allen Branchen, was die Beratung immer spannend macht. Von Elektroflugzeugen (davon schon mehrere!), über Spirituosen, Bauprojekte, Medizintechnik, Mini-Kraftwerke oder handgefertigte Leichentücher war schon fast alles dabei, was man sich vorstellen kann. Interessanterweise interessiert sich auch schon der ein oder andere Mittelständler für Crowdfunding als Finanzierungs- und Marketingtool. Die Zahl der Beratungen hat sich von 2014 bis heute fast vervierfacht.

IHK München/Fotograf: Goran Gajanin

Bild: IHK München – Fotograf: Goran Gajanin

Wolfgang: Welche Fragen haben die Unternehmer, die zu dir in die Beratung kommen?

Linette: Ich mache im Grunde Orientierungsberatung. Sehr oft geht es im ersten Schritt einmal darum, herauszufinden, ob Crowdfunding überhaupt eine Option für das Unternehmen bzw. den Gründer ist. Wir schauen uns das Geschäftsmodell an, den Status Quo des Unternehmens und welche Art von Crowdfunding in Frage käme und was es dabei zu beachten gibt.

Oft entscheidet auch der Zeitpunkt darüber, ob Crowdfunding (schon) sinnvoll ist oder erst später eine Möglichkeit wird. Wenn die Entscheidung für Crowdfunding schon gefallen ist, berate ich meistens zu den konkreten Schritten der Kampagnenplanung. Typische Fragen sind:

Wolfgang: Gibt es Projekte, denen du von Crowdfunding abrätst? Oder anders gefragt, welche Projekte eignen sich für Crowdfunding?

Linette: Ja, sicherlich. Häufig wird im Rahmen der Beratungen schnell von selbst klar, ob sich Crowdfunding für den konkreten Fall eignet oder nicht. Schwierig ist es immer dann, wenn ich ein sehr erklärungsbedürftiges Produkt habe, weil es sehr komplex ist oder weil es in den B2B-Bereich fällt und Menschen außerhalb der speziellen Branche den Nutzen nicht verstehen.

Auch der richtige Zeitpunkt kann entscheidend sein. Es ist wenig sinnvoll zu früh eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. Das erzeugt bei der Crowd hohe Erwartungen und für den Gründer immensen Zeitdruck. Darum rate ich meist erst dann zu Crowdfunding, wenn das Produkt im Groben steht und der Markteintritt kurz bevor steht. Dann sind die größten Unsicherheiten schon beseitigt. In manchen Fällen ist der Eintritt in den Markt mitunter sogar Voraussetzung, z.B. bei der Finanzierung durch Crowdinvesting.

Ideal sind Projekte, die bereits eine eigene Community aufgebaut haben und mit dieser im aktiven Austausch sind. Der Aufruf zum Crowdfunding wird ganz anders aufgenommen, wenn die Community das Gefühl hat, dass es „ihr“ Produkt ist, das finanziert wird.

Wolfgang: Die IHK hat ja auch einen Crowdfunding Canvas entwickelt. Wie funktioniert der?

Linette: Das Crowdfunding Canvas soll ein Leitfaden durch die wichtigsten Fragen der Kampagnenplanung sein. Man kann es als Wandposter verwenden und hat so alles im Blick. Im Wesentlichen geht es darum:

Aus der Beratung heraus, kenne ich die Fragen, die am häufigsten kommen. Diese werden durch das Canvas gebündelt. Aber das eigentlich Besondere an dem Canvas ist in meinen Augen die Rückseite. Denn hier werden wichtige Nebenschauplätze einer Crowdfunding-Kampagne angesprochen, wie z.B. rechtliche und steuerliche Fragen, Infos zu Schutzrechten, Bedingungen für Import und Export bei internationaler Kampagnen usw.

Im Grunde sind das typische Fragen, mit denen jeder Gründer oder Unternehmer früher oder später konfrontiert wird. Es sind klassische Kompetenzfelder der IHKs und die wenigsten Jungunternehmer wissen, was wir hier für Hilfestellungen als Kammern bieten können.

Wolfgang: Damit unterstützt ihr also bei der systematischen Planung von Crowdfunding-Kampagnen. Welche Punkte muss man hier besonders beachten?

Linette: Die wichtigsten Punkte bei jeder Kampagne sind eine realistische Kostenkalkulation, frühes Community-Building, ein durchdachter Kommunikationsplan und last but not least authentisch bleiben und Verantwortung übernehmen. Letzteres auch dann, wenn mal etwas schief gehen sollte. Kopf in den Sand ist auch beim Crowdfunding keine Lösung! Darum ist die Kommunikation mit der Crowd immer Trumpf.

Wolfgang: Was glaubst, wie wird sich Crowdfunding in den kommenden Monaten entwickeln?

Linette: Ich denke Crowdfunding wird sich als Finanzierungsbaustein und Marketing-Tool noch stärker etablieren. Vor wenigen Jahren wusste kaum jemand etwas mit Crowdfunding anzufangen. Mittlerweile ist das Thema in den unterschiedlichsten Bereichen angekommen und wird auch für etablierte Unternehmen attraktiv, entweder um neue Produkte zu testen – Vorreiter ist hier z.B. die Süddeutsche Zeitung mit der „Langstrecke“ – oder um Investoren zu finden, die nach Möglichkeiten suchen, lokal Geld anzulegen und so die eigene Region zu stärken.

Bei einem immer undurchsichtiger werdenden Kapitalmarkt werden lokale Investitionsmöglichkeiten attraktiv. Hier ist Crowdfunding eine sehr schöne Gegenbewegung zur globalisierten Welt. Damit dies funktionieren kann, ist das Vertrauen der Crowd das wichtigste Gut. Dies zu verlieren, würde der ganzen Branche und letztlich den Unternehmen selbst schaden. Das ist eine Botschaft, die mir persönlich am Herzen liegt und ich versuche sie jedem Kampagnen-Starter mitzugegeben der zu mir in die Beratung kommt. Immerhin sind das die Unternehmer von morgen.

Wolfgang: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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