NACHGEFRAGT: Was wurde aus…bockwerk?

Im Herbst 2015 ging ein Werkstätten-Projekt von und für Flüchtlinge vom Verein Ute Bock auf wemakeit.at online: bockwerk. Die Idee dahinter: durch Handwerk und Design eine Perspektive für Flüchtlinge schaffen. Binnen weniger Wochen kamen über EUR 30.000,- für das Projekt via Crowdfunding zusammen. In der Zwischenzeit hat sich viel getan und bockwerk heißt jetzt Nut & Feder und startet als Social Business neu durch.

Karsten Wenzlaff von ikosom.de hat mich gebeten, im Rahmen des Workshops “Crowdfunding and Crossborder Fundraising” in Dresden Anfang November über bockwerk zu sprechen, da ich damals das Projekt als Crowdfunding-Berater begleitet habe. Diese Gelegenheit habe ich zum Anlass genommen, mich mit bockwerk-Initiator Christian Penz zu treffen.

Im Interview erzählt er, warum sich das Projekt umbenennen musste, welche Ausrichtung die neue gegründete Firma nun hat und was seit der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne passiert ist.

Wolfgang: Lieber Christian, du bist der Gründer von Nut & Feder. Erzähle doch kurz, was ihr macht?

Christian: AsylwerberInnen haben während eines offenen Verfahrens keinen regulären Arbeitsmarktzugang und sind auch nach positivem Asylentscheid mit besonderen Barrieren am Arbeitsmarkt konfrontiert.

Nut & Feder versteht Arbeit als zentrales Element zur sozialen Inklusion. Geflüchtete Menschen stehen am Arbeitsmarkt aus rechtlichen, sozialen und kulturellen Gründen vor besonderen Barrieren. Wir setzen uns zum Ziel, Menschen mit Fluchthintergrund von Anfang an in einen Arbeitsprozess einzubinden und ihnen langfristig Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Aussicht zu stellen.

Im 15. Bezirk sowie im Zwischennutzungsgebiet Creau im 2. Bezirk betreibt Nut & Feder Holzwerkstätten, in denen Menschen mit Fluchthintergrund in eine betriebliche Struktur integriert werden. In Zusammenarbeit mit DesignerInnen und ArchitektInnen fertigen sie Möbelstücke und bringen regionale Produkte mit sozialem Mehrwert auf den Markt. Menschen mit Fluchthintergrund werden als Trainees oder angestellte MitarbeiterInnen in den Planungs- und Fertigungsprozess hochwertiger Produkte eingebunden.

Wolfgang: Du hast „Nut & Feder“ damals als „bockwerk“ gegründet und unter diesem Namen auch die Crowdfunding-Kampagne gestartet. Warum habt ihr euch umbenannt?

Christian: Um unser Ziel von einer wachsenden Werkstatt, die immer mehr Menschen Zugang zu einer sinnvollen Beschäftigung ermöglicht, verwirklichen zu können, brauchen wir eine ordentliche Rechtsgrundlage. Wir müssen Rechnungen schreiben können, auch für größere Aufträge mit dementsprechend höheren Summen. Der Verkauf gegen Spende funktioniert für uns langfristig nicht. Um dies bewerkstelligen zu können, gründeten wir eine Gesellschaftsform, die aus überwiegenden Markteinkommen die soziale Mission erfüllt.

Aus steuerrechtlichen Gründen war eine derartige Fortführung innerhalb des gemeinnützigen Vereins Ute Bock nicht möglich. Deshalb haben wir uns – das „bockwerk “ Gründungsteam und Entscheidungsträger des Verein Ute Bock – zusammengesetzt und darauf geeinigt, vormals bockwerk unter den Namen Nut & Feder mit entsprechender Organisationsform selbständig weiterzuführen.

Sideboard von Nut & Feder, entwickelt von mostlikely. Copyright: Nut & Feder.

Sideboard von Nut & Feder, entwickelt von mostlikely. Copyright: Nut & Feder.

Wolfgang: Es hat sich also einiges getan bei euch seit dem Crowdfunding. Woran arbeitet ihr aktuell?

Christian: Einerseits arbeiten wir gerade eng mit mostlikely architecture an der Entwicklung bzw. Vermarktung eines multifunktionalem Moduls zusammen. Das Modul soll als Stehtisch, Turm, Regal (Raumteiler), längere Bank, Podest oder als einfacher stapelbarer Hocker seinen Einsatz finden (siehe Abbildungen im Anhang). Das Modul kann demnächst direkt auf unserer Homepag erworben oder im Rahmen eines Möbelbau-Workshops selber gebaut und mitgenommen werden.

Darüber hinaus entwickeln wir gegenwärtig in Zusammenarbeit mit dem Institut für partizipative Sozialforschung ein Instrumentarium zur Durchführung eines Social-Impact-Reportings, um systematisch und Evidenz-basiert Aussagen über die sozialen und ökologischen Auswirkungen unseres Unternehmens treffen zu können.

Wolfgang: Wohin soll sich Nut & Feder in Zukunft entwickeln?

Christian: Wir wollen weiterhin wachsen und so viele Menschen wie möglich aus der gezwungenen Untätigkeit abholen und ihnen Zugang zu einer sinnvollen Beschäftigung/Ausbildung ermöglichen. Mit der expliziten Einbindung von AsylwerberInnen (die regulär vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind) und asylberechtigten und subsidiär schutzberechtigten Personen in die betriebliche Struktur von Nut & Feder möchten wir deren institutionellen Exklusion beikommen und eine Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe schaffen.

Nichtzuletzt streben wir durch den Ausbau und der Erschließung zusätzlicher Marketing- und Vertriebskanäle steigende Markterlöse und eine weitestgehende Unabhängigkeit von Förder- bzw. Spendengeldern an.

Wolfgang: Würdest du Crowdfunding weiterempfehlen? Bzw. kannst du dir vorstellen noch einmal eine Kampagne durchzuführen?

Christian: Crowdfunding kann ich jedenfalls weiterempfehlen, zumal wir schon mehrere Kampagnen direkt oder über einen unserer Partner erfolgreich begleiten haben dürfen. Mit vergleichsweise geringem Einsatz von Ressourcen konnten wir somit eine Vielzahl an UnterstützerInnen ansprechen und unsere Mission einer breiten Masse transportieren.

Also, ja ich kann mir das absolut vorstellen. Möglicherweise werden wir bereits im Frühjahr 2018 erneut eine Kampagne rund um unser neues Park-Modul initiieren. Dabei möchten wir vor allem die Marktfähigkeit des Produktes testen, Feedback von der Crowd einholen und nicht zu letzt einen finanziellen Grundstein für die Weiterentwicklung legen.

Wolfgang: Weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch!

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Die Folien zum Workshop:Crowdfunding and Crossborder Fundraising

Crowdfunding for NGOs – Best Practice: bockwerk from Wolfgang Gumpelmaier

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