INTERVIEW: Crowdfunding für NPO/NGO und im öffentlichen Bereich

In einem Artikel im Fundraiser Magazin im Januar 2015 fassen Marietta Hainzer und ihre Kollegin Sandra Stötzer von der Johannes Kepler Universität Linz die Ergebnisse einer Studie aus 2013 zum Status Quo von Crowdfunding im Bereich NGO/NPO folgendermaßen zusammen:

„Angesichts der großen medialen Aufmerksamkeit rund um Crowdfunding überrascht es, dass bislang lediglich einzelne praktische Anwendungsfälle vorliegen.“

Mittlerweile scheinen sich hier die Organisationen aber bewegt zu haben und sich verstärkt mit Crowdfunding zu beschäftigen. Grund genug, um mit Marietta Hainzer ein Interview zu führen.

Wolfgang: Marietta, du forschst an der JKU Linz zum Thema Crowdfunding. Was sind deine Spezialgebiete?

Marietta: Mein primäres Forschungsinteresse bezieht sich auf Crowdfunding in/von Non-profit Organisationen. Ganz speziell interessiert mich, wie es diesbezüglich im deutschsprachigen Raum aussieht. Zusätzlich beschäftigen wir uns am Institut für Public und Nonprofit-Management der JKU Linz mit dem Einsatz von Crowdfunding im öffentlichen Bereich. 

Wolfgang: Ich selber habe vor ein paar Wochen ein Seminar zum Thema „Crowdfunding für Vereine und Verbände“ gehalten und großes Interesse bemerkt. Welche Erfahrungen habt ihr im Zusammenhang mit Crowdfunding für NPOs und NGOs gemacht? 

Marietta: Diese positiven Erfahrungen können wir auch teilen. Vor allem für kleine, gemeinnützige Organisationen bietet Crowdfunding eine attraktive Möglichkeit, um finanzielle Mittel zu lukrieren, da sie oftmals keinerlei Förderungen von öffentlicher Seite erhalten oder nur wenige (Spenden-) Gelder zur Verfügung haben. Aber auch für größere NPO scheint Crowdfunding interessant zu sein. Bei zahlreichen NPO/NGO in Österreich herrscht nach wie vor großer Erklärungsbedarf dahingehend, was Crowdfunding tatsächlich ist bzw. was darunter zu verstehen ist und inwieweit es optimal im Rahmen des Tätigkeitsfeldes einer NPO eingesetzt werden kann.

Wolfgang: Welche Vorteile hat Crowdfunding gegenüber klassischem Fundraising? 

Marietta: Wir verstehen Crowdfunding als ein Instrument des Beschaffungsmarketing, bei dem das Crowd-Prinzip in finanzieller Hinsicht genutzt wird, um für klar abgegrenzte, vordefinierte Projekte, die über Web 2.0 Instrumente (v.a. Social Media, Plattformen) kommuniziert werden, ein konkretes finanzielles Ziel in einem gewissen Zeitraum zu erreichen. Die Finanzierung mittels der (anonymen) Crowd weist somit auch einige Parallelen zu gängigen Fundraising-Definitionen auf. Im NPO-spezifischen Kontext ist Crowdfunding überwiegend projektbezogen (wenngleich es auch breitere Auffassungen gibt), d.h. sein Zweck besteht nicht vordergründig darin, eine längerfristige bzw. regelmäßige Ressourcenquelle zu erschließen, sondern die Finanzierung eines konkreten, zeitlich befristeten Vorhabens zu ermöglichen. Traditionelle Fundraising-Definitionen erstrecken sich oft auf vielfältige Ressourcenquellen, wie bspw. auf Sachmittel, Informationen etc.. Beim Crowdfunding hingegen steht die Beschaffung finanzieller Mittel im Vordergrund. 

Crowdfunding bietet als alternative Projektfinanzierungsform generell vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und sich darunter auch für NPO diverse attraktive Einsatzfelder finden. Im Zuge dieser finanziellen Mittelgenerierung können Vorhaben verwirklicht werden, die über „klassische“ Finanzierungen kaum eine Realisierungschance erhalten hätten. Zudem bietet sich für NPO die Möglichkeit bzw. breiteren Aufstellung ihres Ressourcenportfolios, um Abhängigkeiten und somit Risiken zu reduzieren. Weitere Nutzenpotentiale bestehen in der Erhöhung des Bekanntheitsgrades und in der Gewinnung von Informationen über die Zielgruppe(n), mit der/denen über die Crowdfunding-Plattform relativ einfach und kostengünstig eine dialogorientierte Kommunikation möglich ist. Damit bieten sich viele Ansatzpunkte für eine Integration dieses Instruments ins Stakeholder Management und (Beschaffungs-)Marketing. Inwieweit die organisationale Koordination und Passung mit anderen Instrumenten und Aktivitäten gelingt, dürfte neben einer systematischen Planung und der professionellen Umsetzung von Crowdfunding-Aktionen wesentlich für deren Erfolg sein.

Die Erwartungen seitens der Nonprofit-Organisationen sollten allerdings nicht zu hoch angesetzt werden. Realistisch ist die Einschätzung, dass Crowdfunding für geeignete Anlassfälle in überschaubarer Zahl eine attraktive Finanzierungsalternative darstellt. Es kann somit in den meisten Fällen als eine vom Umfang her relativ kleine, aber dennoch wertvolle Ergänzung des Ressourcenportfolios von NPO angesehen werden. 

Wolfgang: Du hast erwähnt, dass ihr euch auch mit Civic Crowdfunding beschäftigt. Was ist das genau? 

Marietta: Zivilgesellschaftliches Engagement zeichnet sich in der Regel in verschiedenen Formen der Mitbestimmung und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger aus, vor allem durch Berücksichtigung lokaler, formeller und informeller Netzwerke. Auch die digitale Vernetzung gewinnt für eine aktive Zivilgesellschaft vermehrt an Attraktivität. Crowdfunding bietet hier die Möglichkeit zur finanziellen Bürgerbeteiligung, um öffentliche Projekte – speziell auf kommunaler Ebene – zu finanzieren.

Wolfgang: Kannst du ein paar Beispiele nennen, ev. sogar aus dem deutschsprachigen Raum? 

Marietta: In Deutschland gibt es bereits vereinzelt derartige Projekte, wie zum Beispiel die Anschaffung einer neuen Funkausrüstung für die freiwillige Feuerwehr, die mit Hilfe der Bürgerschaft erfolgreich finanziert werden konnte. Dringend benötigte Gelder für den Umbau bzw. Erweiterung von Schulen oder zur Sanierung des örtlichen Schwimmbades konnten ebenso mittels finanzieller Bürgerbeteiligung innerhalb kurzer Zeit aufgebracht werden. Hier ist das Potential noch längst nicht ausgeschöpft und bietet noch viel Raum für zukünftige (positive)  Aktivitäten.

Wolfgang: In diesem Fall hat Crowdfunding ja viel mit Bürgerbeteiligung zu tun. Welche Chancen siehst du hier für gesellschaftsrelevante Projekte?  

Marietta: Im Hinblick auf die (finanziellen) Bürgerbeteiligung – wie beispielsweise Bürgerdarlehen oder -kredite –  eignen sich vor allem solche Initiativen, die für die/den einzelne/n Bürger/in  „greifbar“  sind und mit einem individuell wahrnehmbaren Nutzen verbunden sind. Beispiel hierfür wären u.a. Neubauten und Sanierungen öffentlicher Gebäude aller Art (inkl. Kindergärten, Freizeitanlagen) sowie Investitionen in Kunst- und Kulturprojekte, Kirchen und dgl. Dieser Bereich steckt derzeit noch in den Kinderschuhen und bietet daher enormes Entwicklungs- und Erfahrungspotential. 

Darüber hinaus spielen – sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung eines (öffentlichen) CF-Projekts – die zielgruppengerechte Information und offene Kommunikation eine zentrale Rolle. Ein interaktiver und kontinuierlicher Austausch mit möglichst allen Projektbeteiligten ist daher erforderlich, um den professionellen Verlauf der Kampagne bestmöglich zu unterstützen. Dies gilt vor allem auch im Hinblick auf die Bürger und Bürgerinnen als Förderer sowie die transparente Verwendung der von ihnen überlassenen finanziellen Mittel. 

Wolfgang: Welche Bereiche siehst du in der Crowdfunding-Forschung im deutschsprachigen Raum noch unterrepräsentiert? 

Marietta: Der Einsatz von diversen Crowdfunding-Aktivitäten findet in den letzten Jahren in vielfältigen Bereichen statt und wird erfreulicherweise auch im deutschsprachigen Raum immer präsenter bzw. bekannter, wenngleich es noch so viel zu entdecken und zu erforschen gilt. 


Für mich selbst besteht noch großes Interesse  an neuen Erkenntnissen in Bezug auf das Wissen und die Anwendung von Crowdfunding im NPO-spezifischen Kontext, vor allem im deutschsprachigen Raum. Hier existieren zwar einige wenige (quantitative) Untersuchungen, die sich auf NPO in Deutschland und teilweise der Schweiz beziehen. Ein umfassender Überblick  sämtlicher Crowdfunding-Bestrebungen und Umsetzungen in österreichischen NPO fehlt bislang und würde die vorliegenden Crowdfunding-Kenntnisse und Erfahrungen in wertvoller Weise ergänzen.

Wolfgang: Vielen Dank für das Interview! 

Marietta: Vielen Dank auch dir!

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